Objet du mois, août 2026

Glück, das (Buch) zu finden, das einen versteht

Glück, das (Buch) zu finden

Ein Kästchen in Würfelform bemalt in gelb, rot und blau und überzogen mit Schriftzügen in unterschiedlichen Farben. Auf der oberen Seite liest man in grüner Schrift auf orange-gelbem Untergrund: »Glück das zu finden«. Was zu finden? Die große Liebe? Die Lösung eines Rätsels? Die Schriftzüge auf den Seiten des Würfels geben darüber keinen Aufschluss. In schwarzer Schrift erkennt man Wörter und Wortfolgen wie »Maier, Mayer, Meier, Meyer«, »[é]criture automa[tique]«, »Beauftragt[…]«, »Frankreich«, »im alten«, »des adeligen«. Während die écriture automatique ein literarisches, psychologisches oder spirituelles Verfahren darstellt, bei dem aus dem Inneren heraus ohne Bewusstsein oder Intention geschrieben wird, verweisen die anderen Worte und Wortfragmente auf einen Lexikoneintrag über die ursprüngliche Bedeutung des Namens Maier und seiner unterschiedlichen Schreibweisen, den man im Online-Lexikon auf der Webseite »Koob-Solms« über historische Schriften, alte Bücher und Ahnenforschung findet.

Wenn man den Deckel des Kästchens abzieht, fällt der Blick auf mehrere violette Linien mit Knötchen und Haken auf blauem Untergrund, der sich zu den Rändern hin verdunkelt. Eine Nachricht in einer fremden Sprache? Oder ein Schriftzug, der bis zur Unleserlichkeit in die Länge gezogen und verkleinert wurde? Die kühlen Farbtöne bilden einen stillen, mysteriösen Kontrast zu den feurigen Außenseiten des Kästchens und verleihen dieser Ebene Ruhe und Tiefe, ohne jedoch Klarheit in die Aufschrift auf dem Deckel zu bringen. Die weiteren Ebenen werden nicht etwa dadurch sichtbar, dass man die erste Ebene heraushebt, sondern dadurch, dass man den Würfel auseinanderzieht und ihn gleich einem Buch öffnet. Auf der mittleren Ebene steht das Wort »Buch«, auf der unteren der Relativsatz »das einen versteht«, beides in grüner Schrift auf orangefarbenem Hintergrund. Zusammen mit dem Schriftzug auf dem Deckel liest man jetzt: »Glück, das Buch zu finden, das einen versteht«.

Ein Literaturarchiv kann kaum ein passenderes Kunstobjekt beherbergen.

Die in Luxemburg geborene und in Trier arbeitende Künstlerin Mathilde Roller hielt sich 1976 mehrmals in Paris auf, wo sie den von Isidore Isou 1945 als literarische und künstlerische Bewegung gegründeten Lettrismus als künstlerische Ausdrucksform für sich entdeckte. Isou stellte die sinnvolle Existenz des Wortes in Frage und regte Künstler dazu an, Buchstaben und Symbole als visuelle Werkzeuge zur Übermittlung komplexer Botschaften zu nutzen. Poetologische Verfahren wurden auf diese Weise auf die bildende Kunst übertragen.

Mathilde Roller ist ausgesprochen belesen und bibliophil. Sie pflegt außerdem eine große Liebe zur Ästhetik der Schrift und zur Kalligrafie und integriert Buchstaben, Wörter, Verse und Satzfragmente in ihre Kunstwerke, die einen wesentlichen Teil des Objektes und seiner Botschaft bilden. Die Digitalisierung bedroht in ihren Augen die kulturelle Praxis der Handschrift und ist eine Ursache für den Verlust essenzieller kognitiver Fähigkeiten, die unsere Möglichkeiten, die Welt zu erfahren und wahrzunehmen einschränken. Im Angesicht des Verlusts skriptoraler Zeichen durch die voranschreitende Digitalisierung, bleibt die Kunst, ihrer Meinung nach, die letzte Möglichkeit für den Menschen, »die sinnliche Wachheit für die Gesamtheit der Welt zu erhalten« (Detlef Stapf: Vom Verschwinden der Schrift. Mathilde Roller und der Lettrismus, S. 4).

Andrée Wietor

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