Im Nachlass von Anise Koltz befindet sich eine Sammlung staatlicher Auszeichnungen, unter denen das ihr 1973 verliehene »Verdienstkreuz 1. Klasse« des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland besondere Aufmerksamkeit verdient. Auch wenn diese Auszeichnung ›nur‹ die dritte Stufe des achtstufigen Systems darstellt, gilt der 1951 von Bundespräsident Theodor Heuss gestiftete Orden laut Statuten als »die höchste Anerkennung, welche die Bundesrepublik Deutschland für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht« (GMBl. 1983, S. 389). Mit dem umgangssprachlich so genannten Bundesverdienstkreuz wurde auch die »geistige[] Arbeit« (VerdOrdenErl 1951) der ausländischen Autorin Koltz im Sinne einer transnationalen kulturellen Zugehörigkeit honoriert.
In der bisherigen Beschäftigung mit Koltz wird der Verdienstorden allerdings kaum erwähnt. Das mag zunächst mit den schwierigen 1970er Jahren zusammenhängen. 1971 war ihr Ehemann René Koltz verstorben, »prématurément des suites des tortures que lui avaient infligées les nazis«, wie sie später immer wieder betonte. Sein Tod habe, verbunden mit einer Ablehnung der »langue des bourreaux« (Somnambule du jour, 2015, S. 247), zu einem radikalen Sprachwechsel hin zum Französischen geführt. Doch Koltz’ Entfremdung vom Deutschen hatte bereits früher eingesetzt. Die deutsch-französischen Literaturgespräche in Mondorf in den 1960er Jahren hatten gezeigt, wie sehr das Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer ideologisch belasteten Sprache geworden war. Die Luxemburger konnten sich mit diesem Problem zwar nicht unmittelbar identifizieren; auf ihren Sprachgebrauch wirkte es dennoch zurück. Zugleich war Koltz’ Wechsel zum Französischen keineswegs so radikal, wie es erscheinen mag. Nachweislich suchte sie weiterhin den Kontakt zu deutschen Verlagen und veröffentlichte später noch zweisprachige Anthologien. Mit der Wiederbelebung der Mondorfer Literaturtage im Jahr 1995 und der Gründung der Académie européenne de poésie 1996 setzte sie ihren Kulturtransfer fort. Die Nichterwähnung des Bundesverdienstkreuzes mag mit Koltz’ gespaltenem Verhältnis zu Deutschland zusammenhängen. Sie verweist aber auch auf eine grundlegendere Frage: Was bedeutet staatliche Anerkennung überhaupt für die Wahrnehmung einer Autorin?
Schließlich sind staatliche Auszeichnungen von literarischer Kenntnisnahme zu unterscheiden. Auch das staatstragende Epitheton der ›grande dame de la littérature luxembourgeoise‹, das heute in Luxemburg in kaum einem Zeitungsartikel über die Autorin fehlen darf, versperrt paradoxerweise den Blick auf das, was es zu feiern vorgibt: einen umfangreichen poetischen Schatz, der noch immer darauf wartet, geborgen zu werden. Hinter Orden, Ehrentiteln und feierlichen Würdigungen verschwindet das Werk einer Dichterin, die der Gesellschaft gegenüber kein Blatt vor den Mund nahm. Die Frage ist deshalb weniger, in welcher Sprache sie sich ausdrückte, als vielmehr, was uns ihre Poesie über Sprachgrenzen hinweg zu sagen hat. In einem programmatischen Gedicht aus La Muraille de l’alphabet (2010, S. 44) bekennt sich Koltz zur »guérilla du langage« und überfällt unvorbereitete Leserinnen und Leser mit einer streitbaren Ansage:
»J’aiguise chaque mot
avant de l’intégrer
dans mes poèmes
qu’il devienne pierre
que je lance
contre la société pourrie«
Tim Reuter