Es ist keine geringe Überraschung, in der rumänischen Presse des Jahres 1971 auf Luxemburger Literatur zu treffen. Die Kulturzeitschrift România literară veröffentlichte in ihrer Ausgabe vom 24. Juni tatsächlich einen doppelseitigen Beitrag zum Thema »Was gibt es Neues in der Kultur Luxemburgs«. Während die Poetin Ana Blandiana die Verdienste Luxemburger Dichterkollegen hervorhob, setzte sich der Theaterkritiker Gheorghe Astaloş mit der Biografie des Schauspielers Tun Deutsch auseinander. Auf Luxemburger Seite schilderte Mimmo Morina die linguistische Situation des Großherzogtums; Henri Blaise zeichnete das mentalitätsgeschichtliche »Porträt eines kleinen Staates«. Gedichte mehrerer Autoren gaben ihrerseits einen Einblick in die zeitgenössische Literaturproduktion. Bedenkt man, dass im Realsozialismus jede mediale Äußerung mit politisch-ideologischen Absichten unterlegt war, ist es lohnenswert, der Frage nachzugehen, welche Zwecke dieser Artikel bedient haben könnte.
Seit Beginn der 1960er Jahre betrieb die rumänische Führung eine Politik der zunehmenden Distanzierung von der Sowjetunion. An die Stelle der Anerkennung Moskaus als weisungsbefugtes Zentrum der internationalen kommunistischen Bewegung sollte ein Kommunismus nationaler Prägung treten. Diese Kehrtwende äußerte sich in der ostentativen Freundschaft Nicolae Ceauşescus mit Josip Broz Tito, einer betont prochinesischen Haltung angesichts des chinesisch-sowjetischen Zerwürfnisses, der Aufnahme wirtschaftlicher Kontakte zu afrikanischen und südamerikanischen Ländern, um die Abhängigkeit Rumäniens von sowjetischen Rohstoffen zu verringern, sowie der Annäherung an den Westen, von dem man sich überlegene Technologien und Kredite für industrielle Großprojekte versprach. Der Besuch Charles de Gaulles (1968) und Richard Nixons (1970) in Bukarest waren Meilensteine auf dem Weg ins erhoffte ›Goldene Zeitalter‹. Größten Nachhall im In- und Ausland hatte Ceauşescus scharfe, mit antisowjetischen Spitzen versehene Verurteilung des Einmarsches von Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei am 21. August 1968.
Im Juni 1971 unternahm der Staatschef eine Reise nach China, Vietnam und Nordkorea. Am 7. Juli legte er – vermutlich unter dem Eindruck der Kulturrevolution und der Juche-Doktrin Kim Il-sungs – die sog. Juli-Thesen vor: 17 Vorschläge zur »Verbesserung der politisch-ideologischen Aktivität sowie zur marxistisch-leninistischen Erziehung der Parteimitglieder und aller Werktätigen«. Das Ende der vorsichtigen ideologischen Entspannung in Literatur und Künsten und die Beschneidung bzw. fortschreitende Abschaffung bürgerlicher Rechte und Freiheiten waren die Folge. Der so begründete nationale (Neo-)Stalinismus sollte bis 1989 Bestand haben.
Welche Funktion kommt in diesem Kontext der Berichterstattung über Luxemburg zu? Sie fällt durch die wiederholte Betonung der Unabhängigkeit und Souveränität des Landes, seiner Resilienz gegenüber fremdstaatlichen Vereinnahmungsversuchen sowie einer hingebungsvoll gepflegten eigenständigen Kultur ins Auge. Dies waren Werthaltungen, die auch Rumänien im Zuge seiner Loslösung vom Kreml und der nationalen Orientierung verfolgte. Dass im Großherzogtum, das sich zu diesem Zeitpunkt erfolgreich beim Werk der europäischen Integration engagierte, bereits eine Diskursverlagerung hin zu überstaatlichen Strukturen stattgefunden hatte, wurde indes verschwiegen.
Daniela Lieb & Victoria Popovici