Objet du mois, mars 2022

Léopold Hoffmanns Bericht einer Reise nach Jugoslawien im Jahr 1980

Im Jahr 2014 wurde der Nachlass des Schriftstellers und Literaturkritikers Léopold Hoffmann (1915-2008) dem Luxemburger Literaturarchiv von dessen Erben anvertraut. In 39 Archivkästen liegen seither zahlreiche Lebensdokumente, eine umfangreiche Korrespondenz und eine Vielzahl von Manuskripten und Typoskripten für die Forschung bereit. Eine dieser Handschriften ist der 44 Blätter umfassende Bericht Reise nach Bled, Belgrad und zurück, der im Juni 1980 in der Warte und anschließend als Sonderdruck erschien. Er berichtet von einem Aufenthalt Hoffmanns und seiner Frau Germaine an zwei Orten im ehemaligen Jugoslawien und ihrer Zugreise zurück nach Luxemburg. Anlass der Reise war ein Schriftstellertreffen im slowenischen Bled, zu dem das PEN-Zentrum Ljubljana vom 7. bis 11. Mai 1980 geladen hatte und an dem Autoren und Autorinnen aus 34 Ländern aus Ost und West teilnahmen.

 

Als Schriftsteller und Kritiker konnte sich Hoffmann vom Thema der Tagung („Der Autor zwischen Kritik und Publikum“) doppelt angesprochen fühlen. Das galt aber auch für den besonderen Aspekt, unter dem die alljährlich vom slowenischen PEN-Club organisierten Tagungen stattfanden: die Literatur kleinerer Nationen „mit begrenzter Spracheinheit“ in ihrem Verhältnis zu den großen „Universalsprachen“ und die Frage nach Universalität und Regionalität. Vom Gedankenaustausch auf der Tagung ließen sich in der Tat unmittelbare Verbindungen zu literaturpolitischen Bemühungen im Luxemburg jener Zeit ziehen. Dazu gehörte das Bestreben, „das Luxemburgische als Sprache stärker zu profilieren“, von dem Hoffmann auf dem Treffen berichten konnte. Dazu gehörte auch die Selbstorganisation der Schriftsteller, etwa in Form eines eigenen luxemburgischen PEN-Zentrums, eine Frage, die in einem Gespräch Hoffmanns, der dem deutschen PEN-Zentrum angehörte, mit einem amerikanischen Kollegen anklingt.

 

Überschattet wurde das Treffen aber von einem politischen Großereignis, das fast zu seiner Absage geführt hätte und das das Tagungsprogramm durcheinanderbrachte, nämlich dem Tod des jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito am 4. Mai 1980, dessen Staatsbegräbnis die Tagungsteilnehmer am 8. Mai am Fernsehschirm verfolgten. Dieses Thema begleitete Hoffmann auch während seines anschließenden Aufenthalts in Belgrad, den er im zweiten Kapitel unter dem Titel „Belgrad nach Titos Tod“ beschreibt. Neben dem hektischen Treiben der Großstadt, der Erinnerung an seinen ersten Besuch auf der Rückfahrt von einer Griechenlandreise 1962 und der Erkundung des künstlerischen Lebens in Begleitung eines befreundeten jugoslawischen Malers, beschreibt Hoffmann einen Besuch auf Titos Grab am 13. Mai. Dabei bietet ihm eine mehrstündige Wartezeit die Gelegenheit, wie schon in Bled, die Benommenheit zu beobachten, die viele Menschen seines Gastlandes in jenen Maitagen 1980 befallen hatte.

 

Das Interesse und der Charme dieses in Hoffmanns Oeuvre nicht zentralen Textes liegt, neben dem kosmopolitischen Licht, in das er die Luxemburger Literatur rückt, nicht zuletzt darin, dass er den heutigen Leser diskret und wie nebenbei anhand vielfältiger Anknüpfungspunkte in eine Epoche der Umbrüche in ganz unterschiedlichen Bereichen – dem Luxemburger Literaturleben einerseits, der europäischen Politik andererseits – zurückversetzt, deren Folgen in beiden Fällen bis heute nachklingen und die doch wie eine längst vergangene Zeit erscheint.

 

Pierre Marson

 

Abb. 1: Die erste Seite des Manuskripts von Léopold Hoffmanns Reise nach Bled, Belgrad und zurück, 1980. Bestand Léopold Hoffmann CNL L-255; I.25.3

 

Abb. 2: Das Tagungshotel in Bled, Postkarte. Die Rückseite trägt den Stempel „5 JUIN 1980“. Bestand Léopold Hoffmann CNL L-255; I.25.1

 

 

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