Objet du mois

Méng Diéchterche schle’ft

Ein Gedicht von Eugène Bauler an seine schlafende Tochter

bauler1Eugène Bauler ist keiner der bekannten Autoren der Luxemburger Literaturgeschichte. 1888 in Ulflingen geboren, musste er nach dem tragischen Unfalltod des Vaters, der von einem Zug überfahren wurde, seine Sekundarstudien abbrechen. Er trat in den Dienst der HADIR (Hauts-Fourneaux et Aciéries de Differdange, St. Ingbert, Rumelange) ein und wurde Angestellter in der Stahlindustrie. Er starb im Jahr 1970. Das Trauerspiel Endlech erlěst (1915) ist seine einzige eigenständige Veröffentlichung, doch erschienen zahlreiche Gedichte und Novellen in Zeitungen und Zeitschriften wie D’Natio’n und Die Warte. Etliche seiner Gedichte wurden von Luxemburger Komponisten vertont.

 

Während des Ersten Weltkriegs wurde Bauler von den Deutschen zum Ausheben von Schützengräben bei Verdun zwangsverpflichtet. Über den Weltkrieg schrieb er denn auch die 1927 veröffentlichte Erzählung De Legionär. Sie handelt von der Rückkehr eines Öslinger Tagelöhnersohns, der in der französischen Fremdenlegion gekämpft hatte und seine Erlebnisse als explizite Entheroisierung des Krieges erzählt.

 

In der Zwischenkriegszeit stieß Bauler zum Kreis der Jongletzeburger Dichter um Lucien Koenig alias Siggy vu Letzeburg. Er gehörte der Akademie vu Letzeburg und dem Nationalinstitut Letzeburg an und war 1937 Gründungsmitglied des Vereins Hémechtssprôch. Von seinem langjährigen Verhältnis zu Koenig, dessen Epos Lucilinburhuc (1947-49) er lektorierte, zeugen Briefe und Dokumente, die in seinem literarischen Nachlass erhalten sind.

 

Überliefert sind dort auch Manuskripte – Lyrik, Theater und Erzählprosa –, die zum Teil bis heute unveröffentlicht sind. Zu diesen Handschriften gehört ein Konvolut von 34 Blättern mit Gedichten aus den Jahren 1935-39. Méng Diéchterche schle’ft bildet dazu den Auftakt. Das Gedicht beschreibt die Gefühle und Gedanken eines lyrischen Ichs, das nachts am Bett der schlafenden Tochter steht. Die mittlere von insgesamt drei Strophen vermittelt einen Eindruck vom innigen Ton des Textes:

 

Stung éch do an d’Herz ze nélen

Mir dat Bild vu Fridd a Ro,

Ge’w éch net mam Kinék délen:

„Kand! We‘ sin éch dann so’ fro’.“

t’wir éng Send dei Schlof ze ste’ren,

Dach hätt éch et bal gedon.

Giff dach vill ze gèr déch he’ren,

Le’ss so’ gèr vun dir méch plon.

 

Das auf den 20. Januar 1937 datierte Gedicht ist ein Ausdruck der väterlichen Zuneigung Baulers zu seiner Tochter, zu der er zeitlebens ein besonders enges Verhältnis hatte. Diese Tochter ist es auch, die sich um den Nachlass ihres Vaters kümmerte, bis sie ihn im Jahr 2014 als Dauerleihgabe an das Centre national de littérature gab.

                                                                                                           

Pierre Marson

  • Mis à jour le 01-01-2016