Von den Polish Demobilization Camps nach Luxemburg

Zum Itinerar einer zerbrechlichen Briefbeigabe
LeonardZapalowski

Am 1. September 2014 jährte sich der deutsche Überfall auf Polen zum 75. Mal. Das Land erlebte während des Zweiten Weltkrieges nicht nur die Auflösung seiner nationalstaatlichen Strukturen. Systematische Vergehen und Verbrechen an der Zivilbevölkerung, die völlig unzureichende Versorgung mit Nahrungsmitteln und die angestrebte Senkung des Volksbildungsniveaus bezweckten die physische Auslöschung der Polen bzw. ihre Indienstnahme für die nationalsozialistische Siedlungspolitik. Mit der Überführung in eine sowjethörige Volksdemokratie und der Errichtung der kommunistischen Diktatur setze sich der Leidensweg weiter Teile der polnischen Gesellschaft auch nach Kriegsende fort. Das Schicksal der Familie Zapalowski bildet in dieser Hinsicht ein eindrucksvolles Beispiel.
Der Polizeikommissar Teofil Zapalowski geriet 1939 in sowjetische Gefangenschaft und wurde beim Massaker von Katyn ermordet. Seine Ehefrau Jadwiga kam 1944 im Zuge des Warschauer Aufstandes ums Leben. Ihre älteste Tochter Stenia, eine beim Ballett der Warschauer Staatsoper tätige Tänzerin, gelangte 1943/1944 durch die Heirat mit einem Luxemburger ins Großherzogtum. Unter großen materiellen Schwierigkeiten gelang es ihr, sich künstlerisch und tanzpädagogisch zu etablieren; ihr Wirken ist heute untrennbar mit der Professionalisierung des Luxemburger Tanzes verbunden. Stenias Schwester Zocha wurde nach Auschwitz-Birkenau verschleppt und dort Opfer medizinischer Versuche. Die jüngere Krysia wuchs als Vollwaise in einem Heim auf.
    
Die zunächst in Frankreich, anschließend in England tätige Polnische Exilregierung nahm rasch den Kampf gegen den Okkupanten auf. Bereits 1939 konstituierte sich die Polnische Heimatarmee (Armia Krajowa), die durch Sabotageakte und Nachrichtenübermittlung Strukturen der Besatzungsmacht destabilisieren sollte. Ebenfalls 1939 begann im Westen die Aufstellung einer umfassenden, aus Auslandspolen und Flüchtlingen bestehenden Kampfformation. Diese als I. Polnisches Korps bekannten Verbände beteiligten sich später an der Luftschlacht um England, der Schlacht von Tobruk, dem Kessel von Falaise, der Landung in der Normandie und der Besetzung von Wilhelmshafen. Parallel entstand in der Sowjetunion unter der Führung des Generals Wladyslaw Anders eine aus freigelassenen Kriegsgefangenen zusammengesetzte, zweite polnische Armee. Sie wurde 1942 in die britischen Mandatsgebiete des Nahen Ostens verlegt und zeichnete sich 1944 als II. Polnisches Korps vielfach beim Italienfeldzug aus. Auch an der Ostfront kämpften polnische Streitkräfte an der Seite der Roten Armee.

SteniaZapalows

Stenias Bruder Leonard, ein Mitglied der Armia Krajowa, wurde nach Zerschlagung des Warschauer Aufstandes in Murnau an Staffelsee (vermutlich Oflag VII A) interniert. Bei der Überführung in ein anders Kriegsgefangenenlager gelang ihm die Flucht. Daraufhin schloss er sich der Anders-Armee an und nahm am Italienfeldzug teil. Nach der allgemeinen Demobilisierung lehnte er, wie die meisten Angehörigen der Polnischen Streitkräfte im Westen, die Rückkehr in das kommunistisch bestimmte Land ab. Im Rahmen des von England initiierten Polish Industrial Resettlement, das ehemalige Soldaten zivilen Berufen zuführte, nahm er eine Beschäftigung in der Stahlindustrie auf und lebte bis zu seinem Tod 1975 in Birmingham. Er betrat seine Heimat nie wieder.

Während seines Aufenthaltes in verschiedenen englischen Demobilisierungslagern sandte Leonard Zapalowski zahlreiche Briefe an seine in Luxemburg lebende Schwester Stenia. Einer dieser Briefe enthält eine seltene, aufgrund des tief empfundenen Katholizismus der beiden Geschwister jedoch nicht überraschende Beigabe: eine in zwei Fragmente gebrochene Hostie. Sie ist Teil des Bestandes CNL L-345 Stenia Zapalowska, den Stenias Tochter Jaga Antony 2014 dem Literaturarchiv anvertraute.

Daniela Lieb, CNL

hostie
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