Itinéraires égyptiens

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Albert Borschette: Itinéraires égyptiens (1964)

Albert Borschettes Manuskript Itinéraires égyptiens ist eines jener Archivdokumente, die auf den ersten Blick unscheinbar sind, in ihren Kontext gestellt aber interessante Erkenntnisse bereithalten.

Albert Borschette (1920-1976) war von Beruf Diplomat und ab 1970 Mitglied der Europäischen Kommission. Sein Werk umfasst neben dem Roman Continuez à mourir (1959) die  tagebuchartigen Weltkriegs- und Reiseaufzeichnungen  Journal russe (1946), Itinéraires (1954) und Itinéraires soviétiques (1971). Das Centre national de littérature besitzt einen Teilnachlass von Albert Borschette, der ursprünglich in den Archives nationales aufbewahrt wurde. Er hat einen Umfang von vier Archivkästen und enthält Fotos, Presseausschnitte, Manuskripte und Typoskripte, darunter Reiseaufzeichnungen, die Vorarbeiten zu einem weiteren, nicht abgeschlossenen Band Itinéraires darstellen.

Zu diesen gehört das fragmentarische, elfseitige Manuskript Itinéraires égyptiens, das die Eindrücke einer ‚klassischen‘ Ägyptenreise mit Besichtigung von Kairo und Nilkreuzfahrt Ende 1964 festhält. Borschette notierte Beobachtungen, die jeder Tourist noch heute machen kann: dass das Land manchmal chaotisch, die Dörfer arm, Armee und Polizei allgegenwärtig und die Pyramiden aus heutiger, demokratischer Sicht fragwürdige Bauwerke sind. Dann bricht das Manuskript abrupt ab, es folgen nur mehr Stichworte. Dieser Abbruch ist interessant. Warum?

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts besuchten immer mehr Europäer das Land am Nil und schrieben darüber, auch Luxemburger, u. a. Tony Dutreux, Maurice Letellier und Pierre Stehres. Es war die Hochzeit des Ägypten-Reiseberichts. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand diese Gattung aus der Luxemburger Literatur: Die Popularisierung des Tourismus stellte die herkömmmliche Reisenarration vor Legitimierungsprobleme. Es dominieren jetzt subjektivere Formen wie die Lyrik. In ihr artikulieren sich Momente poetischer Erfahrung und Erkenntnis, die Ägypten immer noch bereit hält, etwa in zahlreichen Gedichten von Anise Koltz.

Zwischen diese beiden Perioden fällt der Text von Albert Borschette. Plausibel ist, dass dem Autor im Verlauf seiner Notizen klar wurde, dass das Genre eines dokumentarischen Berichts über touristische Sehenswürdigkeiten für seine Zwecke literarisch erschöpft sei, und er den Text daher abbrach. Gerade aufgrund seines fragmentarischen Charakters markiert Borschettes Manuskript daher einen interessanten historischen Moment – für die Geschichte der Wahrnehmung eines Landes, das heute wieder im Zentrum des öffentlichen Bewusstseins steht, aber auch für die Geschichte der Luxemburger Reiseliteratur.

Pierre Marson
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