Das 'Buch aus Eisen'

Das 'Buch aus Eisen'

janvier_bigAn die 45.000 Einheiten umfasst die Bibliothek des CNL. Das Spektrum reicht vom Einblattdruck bis zum dicken Folianten, vom Groschenheft bis zum Künstlerbuch, vom Taschenbuch bis zur kompletten Schriftsteller- oder Gelehrtenbibliothek. Gewichtigstes Buch aber ist zweifelsohne das ‚Buch aus Eisen' von Jeannot Bewing mit einem Auszug aus dem Text provisorisches selbstbildnis mit filterzigarette von Roger Manderscheid, der 1968 in der zweiten Nummer der ephemeren Literaturzeitschrift doppelpunkt erschienen war. Ganze 13,4 kg bringt das Buch auf die Waage. Die Buchdeckel sind 41 x 26 cm groß. Auf der Deckelseite dominiert der Name Manderscheid, wobei die Initiale M im Metall eingeschnitten ist. Der Titel verzichtet auf das Wort filterzigarette und bietet statt dessen eine Halterung, in die eine Zigarette reinpasst.

Im ‚Buch aus Eisen' kann man blättern wie in jedem anderen Buch auch, denn im Innern gibt es fünf kleinere Seiten von jeweils 23 x 20 cm. Als Heftung dienen Industrieabfallprodukte, die ihre Herkunft nicht verleugnen und vor ihrer Wiederverwendung als Schloss, Kettenringe, Muttern, Metallnägel oder Stechhammer schon mal eine andere Funktion in der Welt der Arbeit zu erfüllen hatten. Das Buch ist in einer minimalen Auflage von sieben Exemplaren erschienen. Alle Exemplare hat Jeannot Bewing Buch zwischen 1974 und 1977 von Hand gefertigt und Buchstaben um Buchstaben in die stählernen Seiten getrieben. Auf der Innenseite des Rückdeckels ist das Buch datiert und signiert.

provisorisches selbstbildnis mit filterzigarette von Jeannot Bewing und Roger Manderscheid ist mehr als nur das skurrile Produkt eines um originelle Ideen nicht verlegenen Künstlers. Es ist ein repräsentatives Produkt einer Aufbruchsphase im Luxemburger Kulturbetrieb in der Folge der 68er Bewegung. Damals drängten die Schriftsteller darauf, die Enge des Elfenbeinturmes und die konservativen Wertvorstellungen der luxemburgischen Gesellschaft hinter sich zu lassen. Sie wollten zu neuen kulturellen Ufern aufbrechen und suchten den Kontakt zu anderen Sparten des Kunst- und Kulturbetriebes. Seinen äußeren, sichtbaren Ausdruck fand dieser Befreiungsschlag in der Consdorfer Scheune, wohin Literaten und bildende Künstler zu gemeinsamen Veranstaltungen und Happenings einluden. Auf diesem Hintergrund ist eine intensive Freundschaft zwischen dem Schriftsteller Roger Manderscheid (1933-2010) und dem Bildhauer Jeannot Bewing (1931-2005) entstanden, die regelrecht in Stahl gemeißelt wurde.

Das 'Buch aus Eisen' ist ein Geschenk von Jeannot Bewing und seiner Frau an das Luxemburger Literaturarchiv.

Germaine Goetzinger

  • Mis à jour le 01-01-2012