Ist es ein Blinzeln? Vielleicht ein Zuzwinkern? Der Fuchs hat jedenfalls etwas im Auge: auf der einen Seite ein Strich, auf der anderen ein Zeichen, das aussieht, als habe jemand den Buchstaben ›e‹ gedreht und auf den Kopf gestellt. Das Zeichen trägt den Namen Schwa, ist Teil des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) und steht für jenen unbetonten Laut, der im Luxemburgischen häufig als ›ë‹ verschriftlicht wird. Der Fuchs ist selbst auch ein Zeichen, ja ein Symbol: Als Anspielung auf Michel Rodanges Renert (1872), einen Text, der oft als Luxemburger ›Nationalepos‹ bezeichnet wird, verweist er auf eine Literaturgeschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Schwa und Renert, Luxemburger Sprache und Literatur – auf der Trinkflasche, die das Institut für Luxemburgistik anlässlich ihrer Sommerschule 2019 produzieren ließ, sind die zwei großen Forschungsbereiche der Philologie in einem Bild vereint.
Im Herbst 2026 feiert das Institut für Luxemburgistik sein 20-jähriges Bestehen. 2006, nur drei Jahre nach der Gründung der Universität Luxemburg, wurde die geisteswissenschaftliche Fakultät umstrukturiert. Innerhalb der neu geschaffenen Forschungseinheit IPSE (Identités, Politiques, Sociétés, Espace) entstand – analog zu den bereits existierenden Instituten für Germanistik und Romanistik – ein Institut für Luxemburger Sprach- und Literaturwissenschaft. Mit einer Professur und einer Post-Doc-Stelle für Sprachwissenschaft lag der Schwerpunkt in den ersten Jahren auf linguistischen Projekten. In der Literaturwissenschaft gab es seit 2009 lediglich einen Assistant-Chercheur-Posten; die Professur wurde 2013, nach einem ersten gescheiterten Berufungsverfahren, besetzt.
Die erste Zeit war geprägt von einer Aufbruchstimmung, von der Zusammenarbeit mit anderen Instituten (z. B. der Germanistik in Trier) und der Entwicklung von Studiengängen: Nachdem 2007 die einjährige Fortbildung ZLSK (Zertifikat Lëtzebuerger Sprooch a Kultur) eingeführt worden war, wurde ab 2009 ein Masterstudiengang angeboten, der bereits im ersten Jahr 19 Studierende zählte. 2022 kam schließlich ein Bachelorstudiengang hinzu. Im Unterricht zeigte sich schnell, so die Professoren Peter Gilles und Jeanne E. Glesener rückblickend, dass es in allen Bereichen an Grundlagenforschung fehlte. Während sich die Linguistik zunächst einem Wörterbuchprojekt und grammatischen Fragestellungen widmete, beschäftigte man sich in der Literaturwissenschaft vor allem mit der Mehrsprachigkeit als wesentlichem Merkmal der Luxemburger Literatur sowie mit den für Luxemburg spezifischen Bedingungen der Literaturgeschichtsschreibung. Seither hat sich die Forschung, auch über zahlreiche Promotions- und Post-Doc-Arbeiten, diversifiziert, so z. B. durch soziolinguistische und literatur-soziologische Untersuchungen sowie durch computerlinguistische und komparatistische Methoden. Eine gemeinsame Grundlage der luxemburgistischen Sprach- und Literaturwissenschaft ist dabei die Überzeugung, dass kleine Sprachen und Literaturen legitime Forschungsobjekte sind und ihnen nichts Defektives anhaftet.
Dieser Auffassung ist auch das Centre national de littérature, wo bereits seit 1995 zur Luxemburger Literatur geforscht wird. Für das CNL ist das Institut für Luxemburgistik ein wichtiger Partner, sei es im Hinblick auf Publikationen, Projekte und Veranstaltungen sowie den wissenschaftlichen Austausch im Allgemeinen. In diesem Sinne freut sich das Literaturarchiv auf die weitere Zusammenarbeit und wünscht: Happy Birthday!
Fabienne Gilbertz