Objet du mois, mars 2026

Luxemburg? Ein starkes Stück!

Antoine Prum, Roger Manderscheid und der Luxemburger Nationalheld

Erfolgreiche Profisportler, Fernsehberühmtheiten, Musiklegenden, Autoren und Maler, ja sogar eine europäische Spitzenpolitikerin, lächelnd angeordnet um ein rot-weiß-blaues Feuerwerk:  Das Plakat fährt auf, was Luxemburg an (in Deutschland) bekannten Gesichtern zu bieten hat. Für sein Abschlussprojekt im Kontext des Internationalen Atelierprogramms des Berliner Künstlerhauses Bethanien kuratierte der Künstler Antoine Prum vor genau 25 Jahren nicht nur die Ausstellung »Oh Pardon, sind Sie der Graf von Luxemburg?« – deren Titel auf ein Lied der dänischen Sängerin Dorthe (links unten auf dem Plakat) verweist –, sondern organisierte zusätzlich ein sich über zwei Tage erstreckendes Rahmenprogramm. »48 Stunden Luxemburg für Bethanien« bot neben der Vernissage am 2. März 2001 eine »Power Show« des Kraftsportlers und Weltrekordhalters Georges Christen und eine Party mit Luxemburger Schlagermusik. Am 3. März fanden im Künstlerlokal Kaffee Burger eine Lesung und Filmvorführung mit Roger Manderscheid und Georges Hausemer statt sowie ein Konzert, bei dem der »Luxemburger Barde« Guy Schons Volkslieder vortrug. Am 6. März lud Prum schließlich noch zum Thé dansant mit der »Luxemburger Stimmungskanone« Fausti ein. Das aufdringliche Posterdesign, die absurd anmutende Zusammenstellung der Persönlichkeiten und die Ankündigung einer »Show der Superlative« legen nahe, dass es sich um eine Aktion handelte, die, so die Projektbeschreibung des Künstlers, »die Nationalitätenfrage und Repräsentationsformen« ironisch hinterfragte.

In einem Artikel im Lëtzebuerger Land (09.03.2001) weist Josée Hansen darauf hin, dass Prum, der als Maler debütierte, schon länger eher konzeptuell gearbeitet habe und bekannt dafür sei, die Grenzen dessen, was als Kunst anerkannt wird, neu zu ziehen. Insofern sei es von besonderem Interesse, dass Georges Christen mit seiner »Power Show« im Künstlerhaus Bethanien aufgetreten sei und nicht auf der gleichzeitig in Berlin stattfindenden Tourismusmesse. Auf Prums Werbeplakat wird Christen denn auch als »Artist« angekündigt – als Künstler also, dessen Kunst auf besonderen körperlichen Fähigkeiten beruht.

Dass auch Roger Manderscheid an der Aktion teilnahm, scheint in zweifacher Hinsicht naheliegend. Als Schriftsteller, der sich seit den frühen 1960er Jahren an der Luxemburger Gesellschaft und Mentalität, aber auch an der Frage nach der nationalen Identität literarisch abarbeitete, konnte er sich sicherlich gut mit Prums Ideen identifizieren. Sein 1973 vom SR produzierter kritischer Essay-Film stille tage in luxemburg fügte sich nahtlos in das Rahmenprogramm der Berliner Ausstellung ein. Darüber hinaus beschäftigte sich Manderscheid schon früh mit Nationalhelden: Johann der Blinde und Charly Gaul sind Namen, auf die er regelmäßig Bezug nahm; Herkul Grün und, in späteren Texten, Georges Christen, dienten dem Autor als Vorbilder für seine Protagonisten. Dies gilt z. B. für den Titelhelden des Romans kasch (2004), aber auch für die im Band schwarze engel (2001) publizierte Geschichte in der nothaltebucht, in der ein aus Afrika stammender »muskelmensch […] als der stärkste mann ost-belgiens« (S. 11) Guiness-Weltrekorde feiert. Dass »ein nationalheld ohne nation« (S. 13) im Mittelpunkt der Geschichte steht, die Manderscheid im März 2001 im Berliner Kaffee Burger las, war sicherlich kein Zufall. Dass Georges Christen im Publikum saß und sich, so Josée Hansen, ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte, wohl auch nicht.  

Fabienne Gilbertz

Illustration:
Plakat „48 Stunden für Bethanien“ von Antoine Prum; CNL, Bestand Roger Manderscheid, L-365.

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