Internationale Tagung

Bernard Groethuysen – ein europäischer Intellektueller.

Bernard Groethuysen_Alix Guillain_Colpach_CNL L-37 Bernard Groethuysen (1880-1946) war Deutscher und Franzose, Europäer und Weltbürger: bedeutender Philosoph und Soziologe, Literaturkritiker und Übersetzer, vor allem aber ein großer Kommunikator und Vermittler: zwischen Literaturen, Nationen und Wissenschaften - eine interdisziplinäre und internationale Ein-Mann-Institution. Dabei scheute er trotz großer Vorlesungserfolge an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität bis 1933 die Öffentlichkeit. Er verließ das nationalsozialistische Deutschland, weil der so intensive wie stille Politik-Beobachter wusste, was kommen würde.

 Groethuysen wurde jetzt mehr denn je zum Franzosen, schließlich auch im staatsrechtlichen Sinn. Zugleich intensivierte er seine Luxemburger Kontakte. Früh schon war Groethuysen zum Colpacher Kreis um Aline Mayrisch-de Saint Hubert gestoßen, wo er viele Lebensfreundschaften schloss, nicht zuletzt mit André Gide, der ihn, gleich André Malraux, außerordentlich schätzte. Der engste der Groethuysenschen Freunde war freilich Jean Paulhan, Cheflektor des Pariser Verlags Gallimard und Redakteur der Nouvelle Revue Francaise. Groethuysen gilt zurecht als Paulhans graue Eminenz, gerade auch zur Zeit der deutschen Okkupation, die Paulhan und er mit viel Geschick überlebten: als ebenso begabte Taktiker wie Strategen. 1946 stirbt Groethuysen in Luxemburg, wo er zusammen mit seinem Lebensmenschen, der kommunistischen Redakteurin Alix Guillain, auch begraben liegt.

 Dies allein schon wäre Grund genug, ihn in Luxemburg zu würdigen. Entscheidend freilich ist, dass Groethuysen als heimlicher Klassiker der Kultur- und Sozialwissenschaften, nicht zuletzt der Philosophie zu gelten hat. Gerade das vornehmlich komparatistische Vorgehen der von PD Dr. Richard Faber (Institut für Soziologie der FU Berlin) und dem CNL gemeinsam organisierten Tagung wird das erweisen. Sie möchte Leben, Werk und Persönlichkeit des Meisterschülers von Wilhelm Dilthey und Georg Simmel prismatisch brechen, um ihn gerade so zu profilieren und jüngeren Generationen ein angemessenes Porträt zu präsentieren: das eines Intellektuellen comme il faut.


Tagungsprogramm

 

04.10.2018, Donnerstag

9.10        Fahrt vom Hotel ins Archiv

9.30        Begrüßung Claude D. Conter

9.45        Einführung: Richard Faber

10.15      Joachim Fischer: »Philosophische Anthropologie« vs. »philosophische Anthropologie« – Paradigma oder Disziplin? Groethuysen als Gründer der Disziplin

11.15      Thomas Keller: Groethuysens Anthropologie des ›Iergendwie‹. Unbestimmtheit und transkulturelle Integrität

12.15 – 14.00    Lunch im Literaturarchiv

14.00      Germaine Goetzinger: Bernhard Groethuysen und Aline Mayrisch zwischen Colpach, NRF und Meister Eckhart. Aspekte einer mehrschichtigen Beziehung

15.00      Bernard Dandois: Une amitié solide: Bernard Groethuysen et Jean Paulhan

16.00      Myriam Sunnen: Groethuysen und André Malraux

17.15      Busfahrt ins Hotel

19.00      Abendessen  

 

 

05.10.2018, Freitag

9.10        Fahrt vom Hotel ins Archiv

09.30      Thomas Schröder: Utopie und Atopie des Bürgerlichen. Hölderlins und Kafkas Bedeutung für Groethuysens Theorie der Gesellschaft

10.30      Klaus Große-Kracht: »Un marxisme assez particulier«. Groethuysens Anverwandlung des ›Kommunismus‹ 

11.30      Reinhard Brenneke: Einige Bemerkungen zum »stillen Kommunismus« Bernhard Groethuysens

12.30 – 14.00    Lunch im Literaturarchiv

14.00      Erhard Stölting: Weltanschauung, Klassengesellschaft und der unbeobachtet beobachtende Gott. Worauf Bernard Groethuysen und Lucien Goldmann heute wieder aufmerksam machen können. 

15.00      Jannis Wagner: Geist und Gewissen: Die Mentalitätengeschichten Bernhard Groethuysens und Heinz Dieter Kittsteiners

16.15      Fahrt nach Luxemburg ans Grab von Bernhard Groythuysen: Führung mit Robert L. Philippart

19.00      Abendessen, auf Einladung des Luxemburger Kulturministeriums

21.45      Rückfahrt ins Hotel

22.30      Ankunft im Hotel

 

 

06.10.2018, Samstag

9.10        Fahrt vom Hotel ins Archiv

09.30      Karl-Siegbert Rehberg: Bernhard Groethuysens bürgerliche Welt als Gegenprobe zur Weber-These. ‘

10.30      Hartmann Tyrell: Groethuysen, Ernst Troeltsch und ›das Leben‹

11.30      Dominik Ghonghadze: Groethuysen und die »Konservative Revolution«

12.30      Diskussion und Tagungsende

 

 

 

Joachim Fischer

»Philosophische Anthropologie« vs. »philosophische Anthropologie« – Paradigma oder Disziplin? Groethuysen als Gründer der Disziplin

»Philosophische Anthropologie« ist ein Projekt aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Man kann die Stellung des Dilthey-Schülers Groethuysen dabei klar bestimmen, wenn man die »Philosophische Anthropologie« (großgeschrieben) als ein neues Paradigma von einer zeitgleich entstehenden »philosophischen Anthropologie« (kleingeschrieben) als neuer Disziplin unterscheidet. Während Groethuysen mit seiner Schrift unter dem Titel einer »philosophischen Anthropologie« (1928) die neue Disziplin gründet, die die hermeneutische Versammlung der verschiedenen Selbstauffassungen des ›Menschen‹ in den Mittelpunkt rückt, beanspruchen Scheler und Plessner mit dem Programm einer »Philosophischen Anthropologie« in ihren Schriften zur »Stellung des Menschen im Kosmos« und mit den »Stufen des Organischen und der Mensch« (ebenfalls 1928) einen charakteristischen modernen Zugriff auf die Komplexität der menschlichen Figur zwischen Natur und Kultur. Der Beitrag schließt mit Überlegungen zum Verhältnis von Paradigma und Disziplin.

 

Joachim Fischer, Prof. Dr. habil., Honorarprofessor für Soziologie an der TU Dresden; Leiter des DFG-Projektes zu den »Cirkel-Protokollen« Nicolai Hartmanns (zus. m. G. Hartung); Präsident der Helmuth Plessner Gesellschaft 2011-2017. Schwerpunkte: Soziologische Theorie, Sozialontologie, Kultursoziologie und Kulturphilosophie, Stadt- und Architektursoziologie; Philosophische Anthropologie. Ausgewählte Publikationen:  (zus. m. Michael Makropoulos) (Hg.), Potsdamer Platz. Soziologische Theorien zu einem Ort der Moderne, München 2004; Philosophische Anthropologie - Eine Denkrichtung des 20. Jahrhunderts, Freiburg / München 2008; (zus. m. Heike Delitz) (Hg.), Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie, Bielefeld 2009; (zus. m. Ralf Becker u. Matthias Schloßberger) (Hg.), Philosophische Anthropologie im Aufbruch. Max Scheler und Helmuth Plessner im Vergleich, Berlin 2010; Soziologie der Weltraumfahrt (zus. m. Dierk Spreen), Bielefeld 2014; (zus. m.  Stephan Moebius) (Hg.), Kultursoziologie im 21. Jahrhundert, Wiesbaden 2014; Exzentrische Positionalität. Studien zu Helmuth Plessner, Weilerswist 2016; zus. m. Stephan Moebius (Hg.): Soziologische Denkschulen in Deutschland, Wiesbaden 2018.


 

Thomas Keller

Groethuysens Anthropologie des ›Iergendwie‹. Unbestimmtheit und transkulturelle Integrität

Mit dem Titel Philosophische Anthropologie gibt Groethuysen nur scheinbar das Versprechen einer auch organologisch fundierten neuen Disziplin, wie sie Scheler und Plessner Ende der zwanziger Jahre entwerfen. In drei Schritten beschreibe ich Groethuysen besonderen Anspruch, die Frage nach der menschlichen Selbstbesinnung geistesgeschichtlich in personalen Porträts als zunehmende Unbestimmtheit zu fassen. Ich zeige zunächst die Abhängigkeit von Diltheys Konzept der Anthropologie, die biographische Anlagen mit lebensphilosophischen Elementen mischt. Dann löse ich »Anthropopheme« wie Mitgefühl, Skepsis, Staunen, Offenheit, Grenzwesen und Weltverbundenheit heraus. Im letzten Schritt möchte ich die herausgehobene Stellung eines Denkens der Unbestimmtheit auf Groethuysens eigene merkwürdige Transkulturalität beziehen. Anders als klassisches Mittlertum entwickelt er eine besondere Strategie der Unauffälligkeit und "Vernebelung", die so etwas wie transkulturelle Integrität verbürgt.

 

Thomas Keller (*1954), Prof. em. an der Université d'Aix-Marseille für deutsch-französische Kulturwissenschaft,  bis 2014 verantwortlich für den Master „Aire Interculturelle Franco-Allemande“ und das Doktorandenkolleg „Konfliktkulturen/Kulturkonflikte» (Aix-Tübingen). Forschungsfelder: transkulturelle Biographien; deutsche und französische Nonkonformismen; Anthropologie und Ethnologie in Frankreich und Deutschland; deutsch-französische Gedächtnisorte; Kulturtransfers; Medien der Übertragung. Letzte Bücher: »›Vrais‹ et ›faux‹ médiateurs. La connaissance des lieux et ses équivoques«, Cahiers d’Etudes Germaniques N° 60, 1/2011; Culture et violence. La Première Guerre mondiale un siècle plus tard, Cahiers d’Etudes Germaniques N° 66, 1/2014; Verkörperungen des Dritten im Deutsch-Französischen Verhältnis. Die Stelle der Übertragung, Fink, Paderborn, 2018.  

 

Germaine Goetzinger

Bernhard Groethuysen und Aline Mayrisch zwischen Colpach, NRF und Meister Eckhart. Aspekte einer mehrschichtigen Beziehung.

Bernhard Groethuysen ist 1946 in der Luxemburger Klinik Sainte-Élisabeth an Lungenkrebs gestorben. Er und Alix Guillain sind auf dem Liebfrauenfriedhof (Cimetière Notre-Dame, Niklooskierfech) auf Limpertsberg beerdigt. Sein Kontakt zu Luxemburg lief über die Industriellengattin Aline Mayrisch-de Saint-Hubert und den Colpacher Kreis, zu dem u.a. André Gide, Jacques Rivière, Ernst Robert Curtius, Annette Kolb und Marie Delcourt gehörten. Die Grundannahme, dass in diesem Netzwerk der Beziehung von Aline Mayrisch und Bernhard Groethuysen eine besondere Bedeutung zukommt, wird in drei Aspekten beleuchtet. In einem ersten Schritt wird die Geschichte einer über 25 Jahre andauernden Gastfreundschaft von Aline Mayrisch für Bernhard Groethuysen rekonstruiert. In einem zweiten Schritt wird auf das Miteinander und Gegeneinander der beiden Protagonisten im Kreis der Nouvelle Revue Française eingegangen. Im letzten Teil wird das Augenmerk auf die produktive Zusammenarbeit von Groethuysen und Aline Mayrisch bei der Beschäftigung mit dem spätmittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart und besonders der Übersetzung dessen Predigten ins Französische gerichtet. Nach Teilveröffentlichungen in den Zeitschriften Mesures und Hermès erscheinen Aline Mayrischs Übersetzungen 1954 posthum als Buch im Verlag der Cahiers du Sud unter dem Titel telle était Soeur Katrei… Abschließend geht es um eine allgemeine kulturhistorische Einschätzung der Beziehung Mayrisch-Groethuysen.

 

Germaine Goetzinger ist Gründungsdirektorin des Luxemburger Centre national de littérature in Mersch, das sie während 16 Jahren geleitet hat. Sie studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Tübingen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Literatur des Vormärz, Frauenliteratur, Literatur Luxemburgs. Sie ist die Autorin zahlreicher Publikationen. Zuletzt gab sie die Tagebücher des sozialdemokratischen Politikers Michel Welter (1859-1924) aus der Zeit des Ersten Weltkriegs heraus.

 

Bernard Dandois

Une amitié solide: Bernard Groethuysen et Jean Paulhan

Bernard Groethuysen fut le meilleur ami de Jean Paulhan. Ils vécurent quelques années au n°9 de la rue Campagne-Première dans le quartier Montparnasse, là même où Rainer Maria Rilke résida avant de devenir le secrétaire de Rodin. C’est là aussi qu’il rencontrera Giuseppe Ungaretti.

Ces liens se créèrent au travers des revues littéraires : en 1920 à La NRF (de 1920 à 1940), ensuite à Commerce (1924-1932) et à Mesures (1935-1940). Groethuysen est un Européen convaincu ; il tisse des liens entre la France et l’Allemagne notamment par les nombreuses traductions dont celle d’Anabase de Saint-John Perse qu’il réalisa avec Walter Benjamin. Il se rend souvent à Colpach dans la résidence des Mayrisch et à Bruxelles : il est membre du comité de la revue Hermès dirigée par le poète Henri Michaux.

Dès que Paulhan apprit l’état de santé alarmant de son ami Groeth qui était allé à Colpach avec sa compagne Alix Guillain, il se rendit en voiture à Luxembourg avec le peintre Jean Dubuffet. De ces trois derniers jours avec son ami, Paulhan rédigea Mort de Groethuysen à Luxembourg (traduit en allemand par Friedhelm Kemp).qui reflète cette amitié intense.

Son œuvre est traduite en plusieurs langues.

 

Bernard Dandois: Bernard Groethuysen & Alix Guillain. Lettres 1923-1949 à Jean Paulhan & Germaine Paulhan (Édition établie, préfacée et annotée par Bernard Dandois). Éditions Claire Paulhan, 2017; Un prince ténébreux : Dimitri Svyatopolk-Mirsky, Les Temps modernes, janvier -mars 2012; Groethuysen et le jeune Sartre, « Les Temps modernes », avril- juillet 2010; A dire vrai, une amitié : Jean Paulhan et Bernard Groethuysen, Paulhan. Le clair et l’obscur (Actes du colloque de Cerisy-la-Salle réunis par Claude-Pierre Perez). Gallimard, 1999; Bernard Groethuysen. Philosophie et histoire (introduction, notes, repères biographiques et bibliographie), Albin Michel, 1985; André Malraux et Bernard Groethuysen: convergences de pensées, Colloque André Malraux tenu à l'université de Strasbourg les 13-14-15 novembre 1986, Le livre dans la vie et l'œuvre d'André Malraux, Klincksieck, 1988; De Groethuysen à Gisors, André Malraux, Les Conquérants. 2 (textes réunis par Christiane Moatti sous la direction de W.G. Langlois). Lettres modernes Minard, 1987.

 

Myriam Sunnen

Bernard Groethuysen und André Malraux

Während die Malraux-Forscher und insbesondere Bernard Dandois schon sehr früh einen Bezug zwischen Gisors, der Figur des Mentors aus La Condition humaine, und Bernard Groethuysen herstellten, und dabei auf einer biographischen Ebene die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den zwei Intellektuellen erläuterten, ist Ziel dieses Vortrags, den Einfluss Groethuysens auf ein zentrales Thema in Malraux’ Werk zu untersuchen: der – oft mit Nietzsches Aussage über den »Tod Gottes« assoziierte – Untergang der christlichen Kultur und dessen Einfluss auf die Kunst. Durch seine Introduction à la pensée philosophique allemande depuis Nietzsche hat Groethuysen nicht nur Malraux’ Nietzsche-Rezeption beeinflusst (wie es schon Horst Hina vermutete), sondern auch, vor allem durch Schriften wie Anthropologie philosophique, seinen, wie er selbst, agnostischen Freund mit den Schriften großer christlicher Denker vertraut gemacht. Gerade wie Groethuysen in Origines de l’esprit bourgeois en France (L’Église et la bourgeoisie) zeigt Malraux in Les Voix du silence und L’Homme précaire et la littérature, dass das christliche Weltbild weniger durch die Französische Revolution in Frage gestellt wurde, als durch kircheninterne Wandlungen, wie etwa die Ablösung der sakralen, irrationalen Elemente durch die kirchliche Moral, oder den Sieg der Jesuiten über die Jansenisten. Dass Malraux dabei einen engen Bezug zwischen den Jesuiten und dem Bürgertum herstellt, und die kirchliche Barockkunst als das Ende der christlichen Kunst schlechthin darstellt, dürfte auch auf Groethuysen zurückzuführen sein, der ohne Zweifel zu den Denkern zählt, die Malraux’ essayistische Werke grundlegend beeinflusst haben.   

 

Myriam Sunnen Studium der französischen Literatur und Indologie in Luxemburg und Paris. Von 1999 bis 2009 Lehrbeauftragte und / oder wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Universitäten Paris III-Sorbonne Nouvelle, Lausanne und Luxemburg; seither Französischlehrerin in Luxemburg und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre national de littérature in Mersch. Promotion und zahlreiche Veröffentlichungen zu André Malraux (u. a. Malraux et le christianisme, Paris, Honoré Champion, 2009 ; 20 Beiträge zum Dictionnaire André Malraux, éd. Jean-Claude Larrat, Paris, Classiques Garnier, 2015). Andere Forschungsschwerpunkte : Werk und Leben des luxemburgischen Autors Edmond Dune, dessen Prosawerke und Korrespondenz sie herausgibt (in Zusammenarbeit mit Pascal Seil), französischsprachige Literatur in Luxemburg allgemein, literarische Übersetzungen, luxemburgisch-französische Literaturkontakte, identitätsbildende Funktionen der Landschaftsdarstellung im frühen 20. Jahrhundert in Luxemburg.

 

Thomas Schröder

Utopie und Atopie des Bürgerlichen.Hölderlins und Kafkas Bedeutung für Groethuysens Theorie der Gesellschaft

Hölderlin und Kafka werden als zwei aufeinander beziehbare Gegenpole der bürgerlichen Gesellschaft thematisiert: Das utopische Denken als Erbe der Französischen Revolution, das für Hölderlins poetisches Konzept der tragischen Zäsur ein Ausgangspunkt ist, wird der entfremdeten Totalität entgegengestellt, die mehr als eine Negativutopie darstellt, wo sie bei Kafka durch die permanente Forcierung eines Erlösungsanspruches zur Konstitution von atopischen bis hin zu animalischen Gegenwelten führt.

Während Hannes Böhringer in seiner Monographie zu Groethuysen bereits die Desorientierung Hölderlins und Kafkas in den Mittelpunkt stellt, bestätigt sich für Klaus Große Kracht in seiner Interpretation an beiden Autoren die kulturelle Orientierungskrise noch umfassender. Demgegenüber sollen die progressiven Konstitutionsmomente, wie sie Groethuysen für Frankreich in der Entstehung  der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung beschrieben hat, stärker herausgearbeitet werden, ohne die Problematik der kapitalistischen Finalität zu verharmlosen.

Als metaphorisch-begrifflicher Leitfaden der Untersuchung fungieren für Hölderlin das Konzept des Buches (als Medium der Antizipation und als Ausgangspunkt, als »Buch der Natur«) und für Kafka die Vorstellung des Gesetzes (als Manifestation des Lebens und Entscheidungsmoment über es).

 

Thomas Schröder, geboren 1961, promovierte mit einer Arbeit über Hölderlin. Von 1994 bis 1996 arbeitete er im Theodor W. Adorno-Archiv in Frankfurt, danach als Lehrbeauftragter an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. Seit 1999 ist er dort als Antiquariatsbuchhändler und Kulturveranstalter tätig. Seit dem WS 2016/17 Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität In Frankfurt.  Arbeitsschwerpunkte: Kritischer Idealismus und Marxismus, Herman Melville, Psychoanalytische Literaturwissenschaft und Ror Wolf. Veröffentlichung zuletzt: Vom Ende der Geschichte her. Walter Benjamins geschichtsphilosophische Thesen, Mainz 2017 (zusammen mit Jonas Engelmann).

 

Klaus Große Kracht (Münster)

»Un marxisme assez particulier«. Groethuysens Anverwandlung des ›Kommunismus‹

Bern(h)ard Groethuysen galt vielen seiner Bekannten als überzeugter Kommunist. In seinen Werken finden sich jedoch nur wenige Hinweise auf Marx und marxistische Kategorien. Wie also war es um Groethuysens angeblichen Kommunismus und Marxismus bestellt? Von seinem Herkommen war Groethuysen vor allem ein hermeneutisch arbeitender Philosoph und Geisteshistoriker und die hermeneutisch-phänomenologische Methode beherrschte sein geistiges Schaffen auch zu späteren Zeiten. Wenn überhaupt, war Groethuysen eher ein Haltungs- und Gesinnungskommunist, der an der Seite seiner Lebensgefährtin Alix Guillain, die stärker als er selbst im Milieu des französischen Parteikommunismus verwurzelt war, die edlen Werte des kommunistischen Projektes hochhielt: Frieden, Gerechtigkeit, internationale Verständigung. Seine Selbstverortung als Kommunist diente Groethuysen darüber hinaus zu einer doppelten Abstandnahme von seinem bürgerlichen Herkommen: zum einen als kritische Standortsicherung gegenüber seinem geistesgeschichtlichen Großprojekt, der Entstehungsgeschichte der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung, sowie zum anderen als lebensweltliche Distanznahme von einer Welt, welche in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs geführt hatte oder doch zumindest mit dieser in den Augen Groethuysens unwiederbringlich untergegangen war.  

 

Klaus Große Kracht, Dr., Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Münster und Wiss. Mitarbeiter am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ ebendort; Veröffentlichungen mit Bezug zu B. Groethuysen, u.a.: Zwischen Berlin und Paris: Bernhard Groethuysen (1880-1946). Eine intellektuelle Biographie (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur, Bd. 91), Tübingen: Max Niemeyer 2002; »Ein Europa im kleinen«. Die Sommergespräche von Pontigny und die deutsch-französische Intellektuellenverständigung in der Zwischenkriegszeit, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der Literatur (IASL) 27 (2002), S. 144-169; Briefe aus Deutschland. Bernhard Groethuysens Beiträge zur Nouvelle Revue Française in den frühen zwanziger Jahren, in: Lendemains. Etudes comparées sur la France - Vergleichende Frankreichforschung 26, Heft 101/102 (2001), S. 119-132. Anschrift: Exzellenzcluster 'Religion und Politik', Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Johannisstraße 1-4, 48143 Münster

 

 

Reinhard Brennecke

Einige Bemerkungen zum »stillen Kommunismus« Bernhard Groethuysens

Kritik westlicher Marxisten (Lukács, Bloch, Horkheimer) an Diltheys geistesgeschichtlicher Verfahrensweise. Groethuysens fehlende Auseinandersetzung mit Marx und seine völlige Nichtbeachtung des westlichen Marxismus. Adornos Kritik an den methodischen Mängeln von Groethuysens Werk zur bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung. Irritation angesichts des von Zeitgenossen überlieferten »fanatischen Marxismus« (Paulhan) Groethuysens sowie seiner eindeutigen, aber nicht-öffentlichen Parteinahme für die Stalin’sche Sowjetunion. Suche nach gemeinsamen Schnittflächen: Groethuysens positive Bezugnahme auf die französische Aufklärung und die Revolution. Die Französische Revolution als Leitbild und Muster bei Marx. Selbstverständnis des Bolschewismus als Fortsetzung dieser Tradition. Die behauptete Kontinuität von der Französischen Revolution zur Russischen Revolution als zentraler Glaubenssatz der französischen Kommunisten. Die jakobinische Schreckensherrschaft als angeblich notwendiges und unvermeidliches Schicksal jeder revolutionären Politik gerät zur Rechtfertigung des stalinistischen Terrors. Die Sowjetunion als Träger der Hauptlast beim Kampf gegen die Barbarei des Nazi-Regimes. Frontstellung des Nationalsozialismus und der Konservativen Revolution gegen die Aufklärung und die sogenannten Ideen von 1789.

 

Reinhard Brennecke, Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Neueren Geschichte. Dissertation: Militanter Modernismus. Vergleichende Studien zum Frühwerk Ernst Jüngers, Stuttgart 1992. Arbeit als wissenschaftlicher Übersetzer aus dem Englischen. Gelegentliche Publikationen zu gesellschaftspolitischen und literarischen Themen: vom Neoliberalismus bis zur Science-Fiction.

 

Erhard Stölting

Weltanschauung, Klassengesellschaft und der unbeobachtet beobachtende Gott. Worauf Bernard Groethuysen und Lucien Goldmann heute wieder aufmerksam machen können.

Der Begriff der ›Weltanschauung‹ ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus guten Gründen durch andere Begriffe ersetzt worden, etwa dem des ›Diskurses‹ durch Michel Foucault, der sich zugleich heftig gegen das hemeneutische Erbe wandte. Das geschah aus guten Gründen; sowohl Groethuysen wie Goldmann haben sich – zeitlich versetzt – an diesem hermeneutischen Erbe geformt und ihm widersprochen. Aber indem Groethuysen und Goldmann seit den siebziger Jahren verdrängt wurden, ist möglicherweise auch ein Problembewusstsein verdrängt werden gegangen, das es lohnt, wieder aufgerufen zu werden. Beide hatten in je unterschiedlicher Weise ihre Aufmerksamkeit der klassischen Epoche des Denkens, Dichtens und Unterscheidens in der Gesellschaft Frankreichs zugewendet, Groethuysen vor allem dem 18. Jahrhundert, Goldmann vor allem dem 17. Jahrhundert. Die jeweils eigenen Erfahrungen des furchtbaren 20. Jahrhunderts steht bei beiden im Hintergrund. Der beschreibende Umgang der gesellschaftlichen und geistigen Umbrüche des klassischen Frankreichs durch Groethuysen und Goldmann könnte daher heute wieder hilfreich sein.

 

Erhard Stölting, geb. 1942 in Freiburg i.Br. Studium an der FU Berlin. Soziologische Lehrtätigkeit vor allem an der Universität Erlangen-Nürnberg, FU Berlin, UC Berkeley und von 1994 bis 2009 an der Universität Potsdam. Akademische Themengebiete vor allem Geschichte von Soziologie und Sozialwissenschaften, sowjetische bzw. russische Umbrüche, Nationalismus, Emotionen on politischen Massenbewegungen. 

 

Jannis Wagner

Geist und Gewissen: Bernhard Groethuysens und Heinz Dieter Kittsteiners Mentalitätengeschichten

In seinem Hauptwerk Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung (1927) untersuchte Bernhard Groethuysen die Entwicklung des »bürgerlichen Geistes« in Frankreich vom religiösen Weltbild hin zu einem neuartigen und spezifisch »bürgerlichen« Bewusstsein. Die von ihm untersuchte Epoche, die Neugier auf eine Geschichte von unten, der einfachen und alltäglichen Protagonisten, die zugrunde gelegte Quellenmaterialien und die verwendeten Methoden ähneln dabei vielfach der – in der deutschen Geschichte angelegten – Studie Dieter Kittsteiners Die Entstehung des modernen Gewissens (1990). Beide verstanden ihre Arbeiten zudem als Erforschung der mentalen Grundlagen der Gegenwart. Bei dieser Betrachtung wird deutlich, wie sehr Groethuysen Exponent einer Wissenschaftskultur war, die in Deutschland mit dem Jahr 1933 abbrach und erst von einer jüngeren Generation neu wiederaufgenommen werden konnte – während sie in Frankreich eine kontinuierlichere Entwicklung nahm.

Der Beitrag wird einen Vergleich beider Werke vornehmen und soll beleuchten, inwiefern Groethuysens Fragen und Methoden, die von ihm intendierte »eigentliche Ideengeschichte« Verwandtschaften aufweist zu (bzw. vorausdeutet auf) Konzeptionen der Geschichtswissenschaft als einer »Wissenschaft vom Menschen« (Lucien Febvre), der späteren Mentalitätengeschichte bzw. »Geschichte der Ideologien« (Georges Duby) und eben der Gewissensgeschichte Kittsteiners.

 

Jannis Wagner, Studium der Kulturwissenschaften und der Europäischen Kulturgeschichte, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)/Universidad de Córdoba. Promovend, Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung. Forschung und Publikationen zu Felix Hartlaub als Historiker und Schriftsteller, zur Mentalitäten- und Ideengeschichte des Deutschen Kaiserreichs und der sog. »Konservativen Revolution«, zu Kriegsgefangenschaft im Ersten Weltkrieg, sowie zu Heinz Dieter Kittsteiners nachgelassenem Werk. »Berlin bedrückt mich sehr und alles ist verdammt unwirklich. « Felix Hartlaub in Berlin (1934-1945), erscheint im Herbst 2018 in der Publikationsreihe Frankfurter Buntbücher des Kleist Museums Frankfurt (Oder); Spenglers Nachleben. Studien zu einer verdeckten Wirkungsgeschichte, hg. gemeinsam mit Christian Voller u. Gottfried Schnödl, Springe 2018; Obsessive Lektüren. Heinz Dieter Kittsteiners Nachlass, in: Zeitschrift für Ideengeschichte, Heft X/2 Sommer 2016, S. 110-114; »Weltmacht oder Niedergang«. Wilhelminische Mentalität, extreme Emotionen und Bilder des Kommenden am Beispiel Oswald Spenglers, Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 11/2015, S. 930-948.


 

Karl-Siegbert Rehberg (Dresden):

Bernhard Groethuysens bürgerliche Welt als Gegenprobe zur Weber-These

Mit Wilhelm Dilthey geht Groethuysen davon aus, dass geschichtliches Bewusstsein kein bloßes Verständnis des Vergangenen sei, sondern dass es um »Selbstbesinnung, […] Bewußtwerden seiner Selbst am Geschichtlichen« geht. Das liefert den Leitfaden für seine Studien über jene »Art Mensch«, die wir »Bürger« nennen, ausgehend von deren Denken und Handeln. In einer Verbindung von Verstehensmethode und dem, wofür Max Scheler den Begriff ›Wissenssoziologie‹ geprägt hat, bildet die ›Weltanschauung‹ (übrigens auch dies ein treffender, von den Nazis allerdings verdorbener Begriff) gerade auch durch die sie konstituierenden Wertkonflikte und Oppositionen ein Ganzes. Max Weber hat mit seiner berühmtesten Schrift, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1904/05 und 1920), eine historiografisch durchaus problematische Studie vorgelegt, welche jedoch die Vertiefung einer durch den Kapitalismus erzwungenen Einstellung zur Arbeit und Investition plausibel deutet. Es waren gerade die protestantischen Einstellungen, welche den im katholischen Italien des 13. und 14. Jahrhunderts entwickelten modernen Kapitalismus zu einer klassenübergreifenden Weltsicht werden ließen. Groethuysen entfaltet nun für Frankreich ein ganzes Panorama der bürgerlichen Welt (eingeschlossen deren Säkularisierung) vor allem aus den römisch-katholischen Predigten des 17. und 18. Jahrhunderts. Insofern kann sein Werk als eine (wie das Weber mit seinen Studien über die Wirtschaftsethik der Weltreligionen auch selbst versucht hat) »Gegenprobe« zur Protestantismus-These gelesen werden.

 

Karl-Siegbert Rehberg, 1992-2015 Gründungsdirektor des Instituts für Soziologie und Inhaber des Lehrstuhls für Soziologische Theorie, Theoriegeschichte und Kultursoziologie an der Technischen Universität Dresden, seit 2015 als Seniorprofessor; 2003-2007 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie; Herausgeber der Arnold-Gehlen-Gesamtausgabe; seit 2013 Mitglied des Sächsischen Kultursenates und seit 2008 Wissenschaftlicher Leiter des Studienganges »Kultur + Management« (M.A.) der Dresden School of Culture in der Dresden International University.

Ausgewählte Publikationen: Symbolische Ordnungen. Beiträge zu einer soziologischen Theorie der Institutionen. Hg. v. Hans Vorländer. Baden-Baden 2014; Rationales Handeln als großbürgerliches Aktionsmodell. Thesen zu einigen handlungstheoretischen Implikationen der »Soziologischen Grundbegriffe« Max Webers. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 31 (1979), S. 199-236; (Hg.): Norbert Elias und die Menschenwissenschaften. Studien zu Entstehung und Wirkungsgeschichte der „Zivilisationstheorie". Frankfurt a.M. 1996.

 

Hartmann Tyrell

Groethuysen, Ernst Troeltsch und ›das Leben‹

Der Vortrag wendet sich, wie bei Soziologen naheliegend, Groethuysens großer Studie Die Entstehung der bürgerlichen Welt- und Lebensanschauung in Frankreich zu. Dass diese Studie einen wesentlichen, wenn auch späten Beitrag zu der deutschen Debatte um Religion und Kapitalismus (Sombart, Weber usw.) darstellt, daran kann kein Zweifel sein. Zwar weicht sie räumlich und zeitlich von der Bevorzugung des englischen 17. Jahrhunderts ab, und auch die Akzentuierung des Konflikts von Theologie und bürgerlicher Lebens- und Weltanschauung ist von besonderer Art. Aber Religion und Wirtschaft, Religion und bürgerliches Leben auf Modernisierungsfragen hin zueinander ins Verhältnis zu setzen, darin liegt Groethuysen ganz auf der Linie jener deutschen Debatte, wenn er auch die ausdrückliche Bezugnahme auf diese vermeidet. Es ist die kluge Groethuysen-Biographie von Klaus Große Kracht gewesen, die hier Ernst Troeltsch ins Gespräch gebracht hat. Diese Anregung wird der geplante Vortrag aufgreifen und ihr genauer nachgehen. Weiterhin ist es Groethuysens Begriffsgebrauch von ›Leben‹ (kaum dagegen: ›Lebensführung‹), der interessieren muss.

 

Hartmann Tyrell, Prof. i. R. Dr., geb. 1943; Soziologe mit den Schwerpunktbereichen Familiensoziologie, Gesellschaftstheorie, Geschichte der Soziologie, Gesellschaftstheorie; bis 2008 tätig an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld; Publikationen: Soziale und gesellschaftliche Differenzierung: Aufsätze zur soziologischen Theorie. Wiesbaden: VS Verlag 2008; 'Religion' in der Soziologie Max Webers. Wiesbaden: Harrassowitz 2014.

 

Dominik Ghonghadze

Groethuysen und die »Konservative Revolution«

Der Beitrag wirft einen Blick auf die Netzwerke, in denen sich Groethuysen während seiner Berliner Zeit in den zwanziger Jahren bewegte. Diese waren in politischer Hinsicht bemerkenswert anders als sein wohl stärker freundschaftlich geprägtes Umfeld in Paris.

Zu diesem deutschen Netzwerk gehörten die Mitherausgeber der Dilthey-Gesamtausgabe sowie einige in Berlin ansässige Frankreichspezialisten, genauer ein Kreis um den ebenfalls von Dilthey beeinflussten Romanisten Eduard Wechssler, aber auch der Historiker und Meinecke Schüler Peter Richard Rohden. Einige, beileibe nicht alle, dieser Wissenschaftler waren schon in der Weimarer Republik als Deutschnationale und Volkskonservative bekannt und näherten sich erst 1933 kurzfristig oder dauerhaft den nationalsozialistischen Machthabern an – ganz im Unterschied zu Groethuysen, der sich - offenbar weitgehend unbemerkt in diesen Kreisen - als Marxist verstand und 1933 Nazideutschland den Rücken kehrte.

Diese Nationalisten schätzten Groethuysens Werk und bezogen sich mitunter auf ihn, wohingegen Groethuysen seine Kritik an nationalistischer Denkungsart nur sehr subtil oder bloß auf Französisch äußerte, ansonsten aber mit ihren angesprochenen Vertretern keine Berührungsängste hatte.

Diese aus heutiger Sicht bemerkenswerte Konstellation lässt sich zum Teil durch das damals vorherrschende »unpolitische« Selbstverständnis des deutschen Professors erklären, aber auch dadurch, dass Groethuysen sich vielfach an gemeinsamen Themen interessiert zeigte, etwa an »völkerpsychologischen« Mutmaßungen über die Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland, den von Dilthey und Simmel inspirierte Diskurs über »Weltanschauung« oder dem Nachdenken über die politischen Folgen der Französischen Revolution. Dieser widmete Groethuysen 1932 seine letzte eigenständige deutschsprachige Publikation, die Dialektik der Demokratie, aus der bis heute, vielleicht bezeichnenderweise, vollkommen unterschiedliche politische Perspektiven und Wertungen herausgelesen werden. 

 

Dominik Ghonghadze, geb. 1977, studierte Politikwissenschaften und Soziologie an der Universität Trier und Kulturwissenschaften an der Fernuniversität Hagen. Letzte Veröffentlichungen: Liberalkonservative Ritter-Schule und rechtskonservative Strömungen heute. Konvergenzen und Divergenzen, in: Faber, Richard/Briese, Olaf (Hrsg.), Heimatland – Vaterland – Abendland. Über neue und alte Populismen, Würzburg 2018, S. 75-94; Sozialforschungsstelle und die Soziologie »an« und »in« der Universität Münster (zusammen mit Klaus Dammann), in: Zyklos 4, Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie, Wiesbaden 2017, S. 51-100.


Richard Faber, Prof. Dr. phil., geb. 1943, Studium der Germanistik, Geschichte, Philosophie, Politologie, Religionswissenschaft und Soziologie an den Universitäten Tübingen, München, Saarbrücken und FU Berlin. Philosophische Promotionsarbeit »Zur Kritik der ›Politischen Theologie‹« und soziologische Habilitationsschrift »Zur Kritik der ›Konservativen Revolution›« (Haupttitel: Der Mythos vom Abendland). Weitere Publikationen in Auswahl: Politische Idyllik (Stuttgart 1977), Erbschaft jener Zeit (Würzburg 1989), Der Tasso-Mythos“ (Würzburg 1999) und Monographien über die Intellektuellen Susan Sontag und Thomas Mann (Würzburg 2006 bzw. 2011).

 

Claude D. Conter, Dr. seit 2012 Leiter des Centre national de littérature in Mersch. Zunächst Studium der Germanistik und Kommunikationswissenschaften in Berlin und Bamberg, dort von 1998 bis 2003 Lehrbeauftragter und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft. Von Ende 2003 bis März 2006 sowie von 2008 bis 2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Centre national de littérature in Mersch (L); von 2006 bis 2008 wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur und Medien an der LMU München. Januar bis Mai 2007 Visiting Professor an der University of the South in Sewanee, Tennessee.

Diverse Veröffentlichungen zur Luxemburgistik, zum Verhältnis von Literatur und Politik, Literatur und Medien, Literatur und Recht, Drama und Theater und zur Gegenwartsliteratur. Promotion zum Thema Europavorstellungen von 1815 bis 1848.

 

 

Robert L. Philippart, Dr. UNESCO-Site Manager im Kulturministerium seit 2017 und wissenschaftlicher Mitarbeiter des MNHA, 2015-2017 Leiter – ambassadeur touristique von Luxembourg for Tourism, 2012-2015 Leiter – ambassadeur touristique des Office national du Tourisme; 1993-2011 Leiter des Office national du Tourisme. Promotion über die Architekturgeschichte Luxemburgs

 

 

  • Mis à jour le 04-10-2018