Objet du mois

Das Erbe der 68er.

Adolphe Weis᾿ Romanmanuskript Wer war Fränki Thiel?

manuscript_400Wer war Fränki Thiel? ist ein Roman, der die persönlichen Reflexionen des Autors über das Treiben und die Umbrüche im Umfeld der 1968er-Revolte wiedergibt, die einen bedeutenden Wendepunkt in der französischen, später in der europäischen Zeitgeschichte darstellt. Die Handlung spielt zu Beginn der 1970er Jahre und schildert das Alltagsleben der Menschen, die von den Ereignissen der sozialen Protestbewegung überfordert sind. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der Agnostiker Fränki Thiel, der sich bemüht, eine neue Identität für sich zu finden, indem er gegenüber den Überzeugungen der 68er Stellung bezieht. Als Individuum entwickelt er sich im Verlaufe des Geschehens im Gegensatz zu seiner Frau, die auf ihren Ideen beharrt und ihren unerschütterlichen Glauben und ihre konservativen Ansichten verteidigt. Die Konflikte werden existentiell, als die Geschichte sich hin zu einer Tragödie entwickelt und die Tochter im Alter von siebzehn Jahren schwanger wird. Diese wird vom Vater ihres Kindes verlassen, verliert die Orientierung in ihrem Leben, begeht Selbstmord und nimmt das ungeborene Kind mit sich in den Tod.

Adel Weis, der Autor des Romans, der u.a. in Walferdingen als Grundschullehrer tätig war, diskutiert und reflektiert in Wer war Fränki Thiel? existentielle Fragen wie den Sinn des Lebens, den Glauben, die Stellung des Individuums in der Gesellschaft sowie aktuelle Debatten etwa zur Abtreibung, zur Sexualerziehung, das Leben in Gemeinschaft, die Erziehung der Jugend, Kannabiszigaretten oder die Rolle der Frau und Mutter  zu Beginn der 1970er Jahre.

Das Manuskript des Autors umfasst 194, eigenhändig paginierte Blätter DIN A4. Für die Niederschrift nutzte er die weißen Rückseiten von gebrauchtem Papier, auf dessen Vorderseite Veranstaltungen, Feste, Einladungen von Veranstaltungen angekündigt sind, die in Walferdingen stattfinden und die überwiegend von der Kommunalverwaltung, der AMIPERAS, der Pfarrei, dem Chor, der Pfadfindergruppe (Scouts Saint Bernard) verschickt werden. Viele Blätter sind von Adolphe Weis unterschrieben, und zwar in seiner Funktion als Präsident der Kirchenfabrik. Diese Unterlagen belegen Weis᾿ Engagement im Vereinsleben der Gemeinde Walferdingen und zeugen von seinem konservativen Gesellschaftsbild. Die Unterlagen ermöglichen zugleich eine Datierung der Niederschrift auf Anfang der 1970er Jahre. Einige handschriftliche Ergänzungen verweisen auch auf Themen, die Adolphe Weis am Herzen lagen und die mit einer anderen Tätigkeit verbunden waren. Ab 1952 bot er für das Familienministerium Ehevorbereitungskurse an. Die Ergänzungen zum Manuskript bezeugen, dass er einige Ideen im Laufe der Arbeit verändert hat. So heißt es in einem Kommentar über die Sexualerziehung und die Rolle der Frau: »Halt! Nur in einem Punkt haben wir gemogelt, … glatt versagt. Ich meine in der sexuellen Aufklärung.« (zu S. 4) Und weiter meint er: »Gewiß! Die gesetzlichen und sozialen Schranken, die das Leben der Frau noch immer einengen und erdrücken, werden nach und nach alle fallen.« (zu S. 11). Manchmal nimmt er konkret Stellung, etwa zur Aufklärungsvorstellung: »Aufklärung? Ist das minutiöse Wissen und das Anschauen körperlicher Vorgänge so wichtig für junge, unausgereifte Menschen? Oder steigert es nicht den ungesunden Vorwitz, das Drängen zum Erleben.« (zu S. 34)

Die heutige Lektüre des 1974 im Verlag Saint Paul erschienenen Romans ermöglicht, die sozialen Errungenschaften nachzuvollziehen, die infolge der ideologischen und politischen Auseinandersetzungen der 68er in Luxemburg erreicht wurden. Der Roman fordert die Notwendigkeit eines offenen Geistes und eines Willens ein, die soziale Kohäsion und den gesellschaftlichen Fortschritt ständig zu erneuern. Neue Partnerschaftsmodelle, das Adoptionsrecht, das politische und berufliche Engagement der Frau, das Abtreibungsrecht, die Diskussion um die Liberalisierung von Hanf für therapeutische Zwecke, allesamt Fragen, die in der Gesellschaft heute diskutiert werden, sind mit der Lebenswelt und den Forderungen der 68er verbunden, und der Roman schildert diese Denk- und Lebensumbrüche.  

Adolphe Weis ist der jüngere Bruder von Wilhelm Weis, Pfarrer und Anstaltsgeistlicher sowie Autor von Gedichten und Texten, in denen die Natur und die Jahreszeiten idealisiert werden und die in katholischen Publikationsorganen erschienen. Das Manuskript Wer war Fränki Thiel? wurde dem Literaturarchiv von Jean Weis, dem Sohn von Adel Weis und Vater des Tänzers und Choreographen Jean Guillaume Weis geschenkt, und befindet sich heute im Bestand CNL L-50.  

 

Jacques Steffen

 

 

  • Mis à jour le 01-04-2017