Fernand Hoffmanns unveröffentlichtes Hörspiel "Der Hauptmann und sein Tabakhändler" oder "Ein Berliner in Luxemburg"

Als Dr. Karl Voß im Mai 1982 seinen 75. Geburtstag feierte, erreichte ihn neben offiziellen Bekundungen auch diese bibliophile Kostbarkeit des Literaturwissenschaftlers und Literaten Fernand Hoffmann. Das 21seitige, aufwändig gebundene Typoskript (DIN A4) umfasst eine Widmung auf Latein, ein Urlaubsfoto der Familie Hoffmann vor dem englischen Schloss Chatsworth House, das Karl Voß auch in einem seiner zahlreichen literarischen Reiseführer erwähnt, ein Vorwort Hoffmanns sowie das Hörspiel Der Hauptmann und sein Tabakhändler oder Ein Berliner in Luxemburg, welches Hoffmann eigens für Voßens Geburtstag verfasste. Seit seiner Übersiedlung nach Luxemburg 1960 hatte dieser als Direktor der Europa-Schule in Luxemburg (1960-1971) sowie als Gründer und Leiter der Thomas-Mann-Bibliothek (1972-1975) Kontakte zu den hiesigen Intellektuellen geknüpft. Die zum Geburtstag erscheinende Festschrift dokumentiert diesen regen Austausch, und Hoffmann selbst gibt darin Auskunft über Beginn und Verlauf seiner langjährigen Freundschaft zu Voß.

Das kurze Hörspiel ist dreierlei: literarische Hommage an Wilhelm Voigt, den Hauptmann von Köpenick, Dokument einer langjährigen Freundschaft und endlich spitzzüngiger Kommentar zu den luxemburgisch-deutschen Beziehungen.

Der historische Voigt lebte nach seiner weltberühmten Köpenickiade in Berlin ab 1910 in Luxemburg-Stadt und gehörte – so lesen wir in Hoffmanns Vorwort – zur Laufkundschaft eines „kleinen Zigarren- und Tabakladen[s] in der Cäcilienstrasse […] am Strassburger Platz“, der von Fernand Hoffmanns Großvater (genannt Leweck) geführt wurde. Aus dieser historisch verbürgten Ausgangssituation heraus entwickelt Hoffmann eine Episode aus dem Leben eines Filous, der sich mehr schlecht als recht durchschlägt, nach Verhören durch einen Kommissar an eine baldige Wiederverhaftung glaubt, sich – nach Lobpreisungen über die Architektur der Alfonsbrücke – von selbiger stürzen will, von Leweck davon abgehalten wird und schließlich in einem zweiten Gespräch den Kommissar mit neuem Selbstbewusstsein süffisant zurechtweist. Dabei wechselt der Text zwischen mokanten Charakterdarstellungen und leichtfüßiger Skizzierung der nationalen Eigentümlichkeiten, dessen sich der Berliner in Luxemburg gewahr wird, etwa wenn er die Luxemburger zu psychologisieren sucht: „Wat 'n richtija Luxembuaja is, dea is jejen Ornung un Jesetz, weil a im Jrunde jenommen de perseenliche Freiheit lieba hat als Jesetz un Ornung“ (S. 7).

Angesichts der auffälligen Parallelen in den preußischen Biographien von Voigt und Voss – beide fliehen je aus dem deutschen Kaiserreich und aus der DDR, beide berlinern und verlassen die Großstadt in Richtung Luxemburg – fungiert die freundschaftliche Annäherung der Figuren Voigt und Leweck im Echoraum der Fiktion als literarische Doppelung der Bekanntschaft Voß und Hoffmann in realiter.

Das Buchgeschenk wurde dem CNL Anfang 2012 von der Witwe Gisela Voß (1910-2013) übergeben. In den jeweiligen Fonds von Fernand Hoffmann (L-200) und Karl Voß (L-81) befinden sich noch weitere Dokumente dieser Freundschaft, u. a. Teile der Korrespondenz zwischen Hoffmann und Voß.

Samuel Hamen

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  • Mis à jour le 01-05-2014