BLOG Edurne Laia Kugeler

Schreiben über Reisen 2/7

Norbert Jacques – Heisse Städte (1911)

Schreiben_über_Reisen_2_Jacques Blumenau_Stadtplatz_der_Kolonie_1873_1Norbert Jacques, bekannt geworden vor allem durch seinen Roman Dr. Mabuse, der Spieler, schrieb auch Berichte über seine zahlreichen Reisen in die ganze Welt. In seinem ersten Reisebericht, mit dem Titel Heisse Städte aus dem Jahr 1911, beschreibt er eine Reise nach Brasilien.

Die Reise beginnt im Hamburger Hafen, und der dort bestiegene Dampfer bringt Norbert Jacques bald nach Südamerika, wo er erst die brasilianischen Städte Rio de Janeiro, Santos und São Paulo besucht. Anschließend begibt er sich auf eine Küstenfahrt, um seine Reise schlussendlich im Landesinneren, an den „Grenzen der Erde“, zu beenden. Die Rückreise wird nicht erzählt.

Norbert Jacques tritt diese Reise ohne besondere Intention an, zumindest wird in der Erzählung keine angegeben. Als „Tourist“ besucht er die brasilianischen Städte und die deutschen Kolonien im brasilianischen Hinterland. Im Gegensatz zu vielen heutigen Touristen hat er dabei keinen ersichtlichen Plan im Hinterkopf. Entscheidungen, wie zum Beispiel die, São Paulo zu besuchen, werden spontan getroffen. Er schreibt: „Ich fuhr ohne Plan und ohne Geld. […] Da oben solle die Stadt thronen, und eine waghalsige Eisenbahn werde zu ihr hoch gewunden. So fuhr ich eines Morgens hinauf.“ (S.100)

Bei Jacques geht es in dieser Reisebeschreibung nicht um eine faktenbasierte Rekonstruktion der Reise, welche späteren Brasilienreisenden hilfreiche Hinweise geben soll. Stattdessen stehen die subjektiven Eindrücke der Reise im Vordergrund. Der Reisebericht wird sogar zum Teil von fiktionalen Elementen durchwirkt. Das gesamte Kapitel „Schäferstündchen“, zum Beispiel, liest sich wie eine Novelle, in der der Ich-Erzähler gar nicht vorkommt.

Das irreale und traumhafte Land Brasilien Jacques‘ verliert in dieser Beschreibung jegliche Konkretheit als realer Ort und wird so für die Leser zu einem exotischen Bild, einem fiktionalen Ort. So setzt er zum Beispiel seine Erlebnisse immer wieder Märchen gleich, wie am Beginn seiner Fahrt entlang der Küste: „Itaperím! Kann ich das Märchen ergreifen, das schmerzhafte, tolle kosmische Märchen der Wanderung, durch das du mich geführt hast?“ (S.117)

In seinem Aufsatz zum Exotismus im Reisebericht des frühen 20. Jahrhunderts, zählt Wolfgang Reif unter anderen Jacques Heisse Städte zu einem „neuromantischen Typus“. Werke dieses Typus zeichnen sich dadurch aus, dass sie „das erlebende und sich verwandelnde Ich in das Zentrum [stellen] und die politische und soziale Realität weitgehend aus[blenden].“ (S.449)

Der subjektive Eindruck dieses exotischen Ortes wird auch durch den Einsatz von vorwiegend anthropomorphisierenden Metaphern unterstützt. Auch die verwendete Verbzeit wechselt zwischen der Vergangenheit und dem Präsens, wobei das Schreiben im Präsens die Unmittelbarkeit und Subjektivität des Erlebten unterstreicht. In der folgenden Passage, einem von vielen Beispielen, setzt Jacques die Hafenstadt an der sein Dampfer anlegt einer Frau gleich:

„Sie war ja noch mehr, als eine kleine Frau mit entschlummerter Leidenschaft. Sie war ein verwegenes Piratenkastell, der Menschheit entrückt, mit wildem, romantischem, schweigendem Schlaf; eine der stummen, sehnsüchtigen, heißen Städte der Liebe, die am Meer wachsen und schlafen und voll heimlich schwerer Süße sind.“ (S.26)

Besonders im zweiten Teil der Erzählung kommt der Ich-Erzähler zunehmend mit Menschen in Kontakt. Ausgesprochen positiv werden deutsche Siedler beschrieben, deren Kolonien er besucht. In einer davon, Blumenau, verbringt sogar einige Wochen. Im Umgang mit der restlichen brasilianischen Bevölkerung kommt dabei Jacques‘ Rassismus schnell zum Vorschein. Hier zeigen sich die im Europa des frühen 20. Jahrhunderts vorherrschenden imperialistischen Ideologien. Der Autor macht keinen Hehl daraus, dass er das wilde Land gerne von den deutschen Kolonisatoren in Ordnung gebracht sähe. Besonders die Richtung der Reise, an die „Grenzen der Erde“, oder genauer, die Grenzen des von Europäern besiedelten Gebietes, zeigt dies deutlich.

Edurne Kugeler

Primärliteratur
Jacques, Norbert: Heisse Städte. Berlin: S. Fischer Verlag 1911

Weiterführende Literatur:
Mannes, Gast / Schmitz, Jeff: Norbert Jacques. In: Autorenlexikon
http://www.autorenlexikon.lu/…/auth…/342/3421/DEU/index.html
Reif, Wolfgang: Exotismus im Reisebericht des frühen 20. Jahrhunderts. In: Brenner, Peter J. (Hg.): Der Reisebericht. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989

Bilder
Stadtplatz der deutschen Kolonie Blumenau
Hotel Central in Rio de Janeiro und Gepäckschein. Quelle: Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass in Saarbrücken

  • Mis à jour le 06-03-2018